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Salto rückwärts in die Steinzeit
Brummeln aus den Boxenbergen. Dann betritt sie die Bühne: Die größte Rock 'n' Roll-Band der Welt spielt zum dritten Mal in Leipzig. Bei ihrer "Licks"-Tour entfachen die Rolling Stones auch auf der Festwiese einen Jubelsturm - präsentiert von unserer Zeitung. 65 000 sind gekommen, um mit Keith & The Gang zu feiern.
"Es ist toll, wieder in Leipzig zu sein", ruft Mick Jagger, fast 60, aber nicht lendenlahm. "Brown Sugar" eröffnet den Reigen der Hits, denen ewig nichts Essenzielles mehr zugestoßen ist. Dies ist keine Nabelschau der Neuheiten, hier geht's um gepflegte Nostalgie. Oder Langeweile? Denkt zumindest mancher AC/DC-Fan. Nach Chrissie Hyndes hart-herzlich rockenden Pretenders heizen die Australier ein. Ihr Strom ist stark, doch der Saft geht ihnen nie aus. "Back In Black" schmettert Brian Johnson und grinst unter der Schirmmütze. "Thunderstruck" und "You Want Blood" sind die nächsten Sex- und Sauflieder, zu denen Gitarrist Malcolm Young Riff-Monster von der Leine lässt. "Rock 'n' Roll Ain't Noise Pollution".
Keine Show ohne Gags
Keine AC/DC-Show ohne Gags: Lead-Gitarrist Angus Young watschelt wie Chuck Berry. Bei "Hells Bells" läutet eine echte Glocke. "T.N.T." zündet. Die Menge rast. Bei "Bad Boy Boogie" schließlich lässt Angus die Hüllen der obligatorischen Schuluniform fallen, reckt sein Boxershort-bedecktes Heck (Aufschrift AC/DC) in die Abendluft. Sogar zwei Zugaben gibt die Vorband. Dann donnern Kanonen Salut "For Those About To Rock". Was für ein Auftritt!
Nun Salto rückwärts in die Steinzeit. Die Sonne geht unter, die Scheinwerfer an. Jagger joggt über die Flügel der videologisch aufgepeppten Bühne, leckt die legendären Lippen. Wie Richards - nur echt mit Totenkopfring - hat er die erste Montur übergeworfen. Viele folgen. Das gilt auch für die Hits. "Start Me Up" steht ebenso auf dem Plan der aufgezäumten Zirkuspferde wie das neue "Don't Stop" - einziger Grund, warum Fan sich die jüngste Best-Of "Forty Licks" zulegen könnte.
Aufhören soll man, wenn's am schönsten ist. Die Stones rocken weiter. Die Urgesteine rollen durchs Museum der eigenen Songs. So voll sind die Magazine, dass durch die Auswahl jeder Abend auf Tour ein anderer ist. Gut so, denn mit spannenden Bearbeitungen ihrer Stücke hatten sie nie viel am Hut, sieht man vom Filetstückwerk "Stripped" (1995) ab.
Schmal sind sie. Fit, doch die Gräben in den Gesichtern zeigen, was passiert, achtet man bei Pillen und Pulvern ohne Packungsbeilage nicht auf Risiken und Nebenwirkungen. Und doch ist ihre Attraktivität ungebrochen: Egal, ob man nun Feingeist Charlie Watts schätzt, der stoisch zwischen seinen Plexiglaspalisaden trommelt, oder eher Mick, moonwalkender Laszinator und Geschäftsmann einer Gruppe, die nach 41 Jahren "on the road" der Zeitgeist überholt hat, deren Konzert Familienzusammenführung ist. Aus Schock wurde Schick. Doch zu den Stones geht man. Koste es, was sie wollen.
Gedanken, für die Raum bleibt. Denn zunächst kicken sich Keith & Co. die Bälle eher gelassen zu. Der neuerdings nüchterne Ron Wood - mit 56 und "erst" 28 Stones-Dienstjahren junger Wilder unter alten Herren - hat die Kippe am Kinn, Richards fingert sich so durch. Lässig zieht die Band ihre Runden, mitunter ohne Punktlandung ("Wild Horses"). Doch Song für Song werden sie besser, nimmt die alte Fregatte Fahrt auf, steigt die Stimmung. "You Can't Always Get What You Want" glänzt mit Orgelei. Der Frontmann macht die Menge an, bestaunt den "wilden Osten". Das kommentieren die fanclubbestückten ersten Reihen gern: "Du geile Sau", ruft einer. "Mick Jagger, we love you", andere.
Brillante Band im Breitbandformat
Dann wird's bluesig. Mick mit Mundi - wunderbar. Dazu kehrt sogar Angus Young nochmal zurück und kreuzt mit Richards die Saiten. Die Massen jubeln und tanzen. Doch es wird noch besser: Bei "Tumbling Dice" funkeln die Steine in ihrer ganzen Pracht - edel. Leiharbeiter wie Saxofonist Bobby Keys, Bassist Daryl Jones und Keyboarder Chuck Leavell haben die Belegschaft auf 13 Damen und Herren anwachsen lassen - brillante Band im Breitwandformat.
Jagger pausiert, überlässt Richards das Feld, der mit "Thru And Thru" sein Solo krächzt. So viel Tradition muss sein. Dann geht "Happy" über die Bühne. Die war mit aufgeblasenen Riesenfiguren auch schon prächtiger - neue Bescheidenheit, die nur vorm Ticketpreis Halt machte.
Nun geben die Heroen Gas, vermutlich Propan: Flammen feuern in die Nacht - aus "Sympathy For The Devil". ,Ja, die Kerle waren mal gefährlich', denkt man. So sehr, wie Brandstifter Marilyn Manson es eines Tages auch mal gewesen sein wird: Aus bösen Jungs werden gute Verdiener. Apropos Geschichte: An die Zeit, als die Stones noch in streichholzschachtelgroßen Clubs rockten, erinnert die im Publikum aufgebaute Bühne Nr. 2. "You Got Me Rocking" klingt es von dort trotzig, wo die Oldie-Bande per Laufsteg hingewandelt ist. Echte Ekstase ist "Street Fighting Man".
Zurück auf der herrlich bunten Hauptbühne geht's ins Finale: "Gimme Shelter" war, ist und bleibt eines ihrer schönsten Stücke. Backgroundbeauty Lisa Fisher singt alles an die Wand. "Ihr seid ein geiles Publikum" meint Mick. Dazu passt "Honky Tonk Women" - Rhythm & Blues in Reinkultur, nochmal mit Chrissie Hynde.
Eine Steigerung scheint unmöglich, wenn da nicht dieses Riff wäre, mit dem sich die Stones einen Platz im Olymp sicherten: Und passend zur "Satisfaction" donnert die Konfettikanone. Doch einmal müssen sie noch raus. Erst mit "Jumping Jack Flash" ist 23.23 Uhr Schluss. Das Feuerwerk hat das letzte Wort. Und 65 000 gut Gelaunte gehen mit der Erkenntnis heim: "It's Only Rock 'n' Roll, But We Like It."
Ingolf Rosendahl, Leipziger Volkszeitung vom 21. Juni 2003
Source http://www.lvz-online.de
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